Flächen werden ohne Not versiegelt

Leserbrief vom 10. März im Mühlacker Tagblatt zum Artikel Autozulieferer zieht an die Osttangente“ vom 4. März:

Mühlacker setzt ein Zeichen. In Richtung Industriestadt. Wir können so weiter machen und noch gleich ein weiteres Industriegebiet beschließen. Nur: Irgendwo unterwegs verlieren wir ein Stück Lebensqualität in unserer Stadt und ein Stück dringend notwendige Naherholungsräume und Frischluftschneisen. Und wofür?

Ich sehe bei dem sogenannten Glücksfall für Mühlacker keine Innovation, nichts, das in eine Zukunft weist, in der ein Ausgleich zwischen gewünschter Industrie und dem Erhalt unserer Landschaft gesucht wird. Gelobt wird die zukunftsweisende Fertigung – die Chance auf eine innovative Bauweise wird jedoch versäumt. Auf der Skizze im Bericht vom 4.März ist ersichtlich, dass ein großer Teil der veräußerten Fläche für Parkplätze versiegelt wird. Warum ist unser Land immer noch so billig? Warum wünscht unsere Stadt nicht einen ressourcenschonenden Umgang mit dem Flächenverbrauch? Warum gibt es keine Auffahrrampe für ein Parkdeck zum geplanten großen Flachdach oder zumindest ein mehrgeschossiges Parkhaus? Bei etwas Innovation könnte man in Mühlacker noch viel Industrie ansiedeln, ohne Flächen zu vergeben, als hätten wir davon eine nie versiegende Quelle. Vielleicht sind noch Änderungen bei der Planung möglich, die auch der Natur eine Chance lassen…

Waltraud Pfau, Mühlacker

Gewerbe oder tägliches Brot?

Leserbrief vom 11. März im Mühlacker Tagblatt zum Artikel Autozulieferer zieht an die Osttangente“ vom 4. März:

Nun ist es also aktenkundig, dass die Stadtverwaltung die 5,5 Hektar Gewerbeflächenreserve für angeblich aussiedlungswilligen Mühlacker Betriebe verhökert hat. Vermutlich gab der Preis den Ausschlag für die Ansiedlung des Konzerns Thyssen Krupp in den Waldäckern. Eine Offenlegung wird vermutlich mit allen Mitteln verhindert werden, obwohl in Baden-Württemberg der Bürger bei Verwaltungsvorgängen ein Auskunftsrecht besitzt. Das Handeln wird garantiert als Begründung für die Ausweisung eines weiteren Gewerbegebietes missbraucht.

Die Bebauung von 5,5 Hektar unwiederbringlichem, hochwertigstem Ackerboden bedeutet, dass bei einem Ernteertrag von durchschnittlich 7000 Kilo Weizen pro Hektar der Ertrag von 38500 Kilo Korn (100 Prozent Vollkornmehl oder 60 Prozent Weißmehl, 20 Prozent Schwarzmehl und 20 Prozent Kleie) nicht mehr erfolgen kann. Bei dem jährlichen durchschnittlichen Verbrauch eines Menschen in Deutschland von 65 Kilo Brotkorn bedeutet dies, dass für 592 Menschen kein Brot mehr produziert werden kann. Wir leben in einer Zeit, in der der Slogan vorherrscht „Global denken, global handeln“. Es darf deshalb nicht sein, dass der Gemeinderat von Mühlacker mit der Entscheidung zur Bebauung der 5,5 Hektar Ackerland zusätzlich 592 Menschen irgendwo auf diesem Planeten in den Hunger treibt. Deshalb empfehle ich der Stadtverwaltung, die Auslegung einer Liste, auf der sich all die Befürworter einer weiteren Ausweisung von Gewerbegebieten auf Böden bester Qualität, zum Verzicht auf Brotkorn eintragen können. Alle Fürsprecher sollten mit gutem Beispiel vorangehen und auf ihr tägliches Brot verzichten, denn das, was sie Anderen zumuten, können sie durch ihren eigenen Verzicht abwenden.

Ohne Nahrung kann kein Mensch arbeiten oder leben. Was haben deshalb 85 zusätzliche Arbeitsplätze für einen Stellenwert?

In Bietigheim-Bissingen wollte die Stadtverwaltung auch ein neues Gewerbegebiet von 19 Hektar und später in abgespeckter Form von nur noch 13 Hektar ausweisen. In beiden Fällen hat dies der dortige Stadtrat abgelehnt und ist seiner Verpflichtung für kommende Generationen und Nachhaltigkeit nachgekommen.

Siegfried Aichele, Mühlacker

Nachhaltig?

Leserbrief Mühlacker Tagblatt vom 7. März zum Artikel Autozulieferer zieht an die Osttangente“ vom 4. März:: 

Entsetzt habe ich den Artikel über den Verkauf von 5 Hektar der Fläche zwischen Krankenhaus und Osttangente gelesen. Die 85 in Aussicht gestellten neuen Arbeitsplätze ergeben 6 Ar verbrauchte Fläche pro Arbeitsplatz, die natürlich nicht für Einwohner aus Mühlacker reserviert werden können. Ungewohnt schnell und klammheimlich ist dieser Deal über die Bühne gegangen. Erste telefonische Kontaktaufnahme Ende Januar, Beginn der ersten Vorarbeiten für die Erstellung eines Zulieferwerks der Fa. ThyssenKrupp schon nächste Woche. In seiner Neujahrsansprache verwies unser OB auf die Notwendigkeit der planerischen Ausweisung von Gewerbeflächen, weil sonst örtliche Unternehmen abwandern könnten, verbunden mit dem Verlust von Arbeitsplätzen und dem Ausfall von Steuereinnahmen. Im Glanz eines Großunternehmers verlieren die kleinen und mittleren Gewerbebetriebe wohl an Bedeutung.

Vielleicht spielte auch die Überlegung eine Rolle, dass nach diesem Ausverkauf nun endlich jeder einsieht: Wir brauchen 25 Hektar neues Gewerbegebiet. Das kann ich mir allerdings aufgrund des Ausgangs der Bürgerbefragung nicht vorstellen.

Wir produzieren in Deutschland Waren weit über den eigenen Bedarf. Das führte 2016 zu einem Außenhandelsüberschuss von 252,9 Milliarden Euro. Land dagegen ist Mangelware. 60% der für den europäischen Konsum genutzten Flächen liegen außerhalb der EU. Die Abhängigkeit von Nahrungsmitteleinfuhren macht uns politisch erpressbar. Außerdem haben uns die Folgen unseres Wirtschaftens längstens eingeholt: Luftverschmutzung, Schadstoffe im Grundwasser, niederer Grundwasserspiegel, Klimaänderung, Meerverschmutzung, Verarmung der Tier- und Pflanzenwelt, Naturkatastrophen. Wann endlich machen wir Ernst mit der so viel beschworenen Nachhaltigkeit?

Mit freundlichen Grüßen und herzlichen Dank

Rudolf Fegert

Eine kurze Geschichte der „Initiative für Lebensqualität Mühlacker“

Die „Initiative für Lebensqualität Mühlacker“ gibt es in ihrer jetzigen Zusammensetzung seit April 2015. Bis zu diesem Zeitpunkt stand allein das Gebiet Lug/Fuchsensteige nahe dem Ortsteil Lomersheim als mögliches Gewerbegebiet zur Debatte. Schon seit dem Jahr 2001 setzte sich die „Initiative für Lomersheim“ für den Erhalt der landwirtschaftlichen Flächen ein. Im Frühjahr 2015 brachten  Gemeinderat und Verwaltung eine weitere Fläche auf Gemarkung des Stadtteils Lienzingen ins Gespräch, sodass  nun nicht mehr vorrangig der Stadtteil Lomersheim von einer möglichen Industrieansiedlung betroffen wäre. In der „Initiative für Lomersheim“ hatten wir uns schon seit vielen Jahren mit den Auswirkungen des fortschreitenden Flächenverbrauches auseinandergesetzt. Die Ausweisung eines neuen Industriegebietes im geplanten Umfang  ist deshalb aus unserer Sicht auch an einem anderen Ort nicht in Ordnung. Es war für uns nun logisch, Verbündete in den anderen betroffenen Ortsteilen (Mühlhausen und Lienzingen) zu  suchen und dadurch zu verhindern, dass die Ortsteile gegeneinander ausgespielt würden. Die Aktiven der „Initiative für Lomersheim“ schlossen sich dann mit MitbürgerInnen aus der ganzen Stadt zur „Initiative für Lebensqualität Mühlacker“ zusammen.

Die „Initiative für Lomersheim“ gibt es seit Beginn der 90er Jahre. Ein Vorläufer davon war wiederum schon in den  80er Jahren aktiv gewesen. Damals war man schon erfolgreich gegen einen Verbindungsstraßenausbau („Fuchsensteige“), der dem Ort mehr Durchgangsverkehr beschert hätte, vorgegangen.  In den 90er-Jahren gab es etliche Aktionen betreffend Lomersheim. So setzte sich die Initiative z. B. für den Bau seniorengerechter Wohnungen ein, initiierte ein Kelterfest und einen Gedenkstein an der Burgruine Sternenfels im  Ort. Bei der Planung für den Ausbau einer weiteren Verbindungsstraße durch Waldgebiet kam es zur Petition  und die Planung musste abgespeckt werden. Im Jahr 2000 verhinderte die Initiative abermals einen Ausbau der „Fuchsensteige“, welcher plötzlich wieder in den Planungen auftauchte. Der „Initiative für Lomersheim“ ist es maßgeblich zu verdanken, dass die Planungen für das jetzt wieder diskutierte Industriegebiet fast 15 Jahre lang stagnierten.

Die Initiative für Lebensqualität hat einen harten Kern von ca. 15 Personen. Es gibt aber viele Unterstützerinnen, die im Bedarfsfall mobilisiert werden können. Die Besetzung der „Initiative für Lomersheim“ wechselte im Lauf der Jahre. Die meisten sind seit 2001 mit von der Partie.

Im Moment bleibt abzuwarten, ob sich der Gemeinderat bereit erklärt, die Pläne für das Industriegebiet für drei Jahre auf Eis zu legen. Davon hängt ab, wie es bei uns weitergeht. Die Themen „Nachhaltigkeit“ und „Grenzen des Wachstums“ bleiben für uns auf jeden Fall wichtig. Ich vermute, dass einige von uns auch weiterhin aktiv bleiben und sich diesbezüglich auf kommunaler Ebene für einen Umdenkungsprozess einsetzen werden.

(Vielen Dank an Brigitte Dingler für diese Einblick in die Geschichte der Initiative.)