Gewerbe oder tägliches Brot?

Leserbrief vom 11. März im Mühlacker Tagblatt zum Artikel Autozulieferer zieht an die Osttangente“ vom 4. März:

Nun ist es also aktenkundig, dass die Stadtverwaltung die 5,5 Hektar Gewerbeflächenreserve für angeblich aussiedlungswilligen Mühlacker Betriebe verhökert hat. Vermutlich gab der Preis den Ausschlag für die Ansiedlung des Konzerns Thyssen Krupp in den Waldäckern. Eine Offenlegung wird vermutlich mit allen Mitteln verhindert werden, obwohl in Baden-Württemberg der Bürger bei Verwaltungsvorgängen ein Auskunftsrecht besitzt. Das Handeln wird garantiert als Begründung für die Ausweisung eines weiteren Gewerbegebietes missbraucht.

Die Bebauung von 5,5 Hektar unwiederbringlichem, hochwertigstem Ackerboden bedeutet, dass bei einem Ernteertrag von durchschnittlich 7000 Kilo Weizen pro Hektar der Ertrag von 38500 Kilo Korn (100 Prozent Vollkornmehl oder 60 Prozent Weißmehl, 20 Prozent Schwarzmehl und 20 Prozent Kleie) nicht mehr erfolgen kann. Bei dem jährlichen durchschnittlichen Verbrauch eines Menschen in Deutschland von 65 Kilo Brotkorn bedeutet dies, dass für 592 Menschen kein Brot mehr produziert werden kann. Wir leben in einer Zeit, in der der Slogan vorherrscht „Global denken, global handeln“. Es darf deshalb nicht sein, dass der Gemeinderat von Mühlacker mit der Entscheidung zur Bebauung der 5,5 Hektar Ackerland zusätzlich 592 Menschen irgendwo auf diesem Planeten in den Hunger treibt. Deshalb empfehle ich der Stadtverwaltung, die Auslegung einer Liste, auf der sich all die Befürworter einer weiteren Ausweisung von Gewerbegebieten auf Böden bester Qualität, zum Verzicht auf Brotkorn eintragen können. Alle Fürsprecher sollten mit gutem Beispiel vorangehen und auf ihr tägliches Brot verzichten, denn das, was sie Anderen zumuten, können sie durch ihren eigenen Verzicht abwenden.

Ohne Nahrung kann kein Mensch arbeiten oder leben. Was haben deshalb 85 zusätzliche Arbeitsplätze für einen Stellenwert?

In Bietigheim-Bissingen wollte die Stadtverwaltung auch ein neues Gewerbegebiet von 19 Hektar und später in abgespeckter Form von nur noch 13 Hektar ausweisen. In beiden Fällen hat dies der dortige Stadtrat abgelehnt und ist seiner Verpflichtung für kommende Generationen und Nachhaltigkeit nachgekommen.

Siegfried Aichele, Mühlacker

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